Politik
Autonomie für Tibet - Ein Kommentar
16.03.2008 15:09
Die aktuellen Entwicklungen zeigen ein anderes Bild: Die Welt ist sprachlos ob der Bilder die aus Tibet ins Ausland durchdringen: Am 49. Jahrestag des tibetischen Aufstands gegen die Kommunistische Partei Chinas demonstrierten buddhistische Mönche für die Freilassung ihrer letztes Jahr inhaftierten Ordensbrüder; diese hatten die Verleihung der Goldmedallie des Kongresses der Vereinigten Staaten an den im Exil lebenden Dalai Lama gefeiert.
Die Stimmung schlägt um
Die Demonstration wandelte sich schnell in offene Proteste gegen die chinesische Regierung; Tibet solle Unabhängig werden, verlangte die aufgebrachte Menge und steigerte sich bis hin zu gewaltsamen Übergriffen, Brandschatzungen und Plünderungen. Korrespondenten verschiedener ausländischer Nachrichtendienste und Touristen berichteten vom gewaltsamen Vorgehen gegen nicht-tibetanische Bevölkerungsgruppen wie den zugewanderten Han und Hui (Die Han stellen mit weit über 90% den größten Anteil des aus 55 ethnischen Gruppen bestehenden Vielvölkerstaats China dar; die Hui gehören zu einer muslimischen Minderheit). Laut einem Beitrag von James Miles, Tibet-Korrespondent des "Economist", hatte es sich es sich sowohl um kleine Gruppen Jugendlicher gehandelt, als auch um Ansammlungen von dutzenden Männern, Frauen und Kindern die randalierend und plündernd durch die Straßen getobt hätten um Steinbrocken nach Autos, Fensterscheiben und flüchtenden Chinesen zu werfen. Autos und geplünderte Läden wurden in Brand gesteckt. Miles berichtete auch von gemischten Gefühlen Ortsansässiger: Ein Mönch soll ihm geschildert haben, wie er einen Jugendlichen versteckt habe, der sich - verfolgt vom wütenden Mob - vor ihm auf den Boden geworfen hätte; der Junge wäre ein Angehöriger der chinesichen Han-Bevölkerungsgruppe gewesen. Es sieht alles danach aus, als ob sich nun der lange angestaute Hass auf die von der Regierung angesiedelten chinesischen Einwanderer in einer Welle unkontrollierter Gewalt entlädt. Der Dalai Lama spricht seit langem von einem "kulturellem Genozid" gegenüber den Traditionen und der Lebensweise seines Volkes; die umstrittene Politik der "Sinisierung Tibets" würde Tibeter zur Minderheit im eigenen Land machen. Die chinesische Regierung investiert zwar viel Geld in Infrastruktur wie Straßen und Gebäude, aber wenig in die Weiterbildung oder Förderung der tibetischen Bevölkerung. Viele Tibeter sind Analphabeten; wichtige Ämter oder Arbeitsplätze bleiben ihnen mangels Bildung verschlossen. Stattdessen werden immer mehr Chinesen in die Region migriert um diese Aufgaben zu übernehmen. Tibet ist nicht die einzige Region in der Volksrepublik China, in der den Minderheiten der Aufstieg zu Wohlstand und einem guten Leben verschlossen blieb. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass der Regierung in Peking alles daran liegt eine Ausweitung der Proteste über das ganze Land zu verhindern.
Volkskrieg gegen den Separatismus
Prompt hat die Führung in Peking reagiert: Mit Tränengas, Schlagstöcken und massiver Präsenz von Polizei und paramilitärischen Truppen versuchen sie dem Treiben ein Ende zu setzen. Es soll scheinbar ein deutliches Zeichen gesetzt werden: Soweit und nicht weiter!
Regierungen in aller Welt reagieren - wie erwartet - entsetzt, rufen die chinesiche Führung zur Mäßigung auf und erhalten als Reaktion eine Erklärung, man habe einen "Volkskrieg gegen den Separatismus" ausgerufen; ein Ultimatum wird an die Aufständischen gestellt.
Für viele bei uns scheint die Situation vollkommen klar zu sein: Tibet müsse frei sein! Wieder ein unabhängiger Staat. Das Unrecht, begonnen mit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Jahre 1959, müsse rückgängig gemacht werden. Doch ist diese Sicht so unstrittig richtig? Scheinbar identifizieren sich selbst weite Teile der westlichen Medienlandschaft fast reflexhaft mit diesem Bild. Eines ist klar: Die Regierung der Volksrepublik China und die Exilregierung Tibets sind sich offensichtlich uneinig darüber, wann Tibet ein Teil von China wurde und ob dies legitim war.
Jahrhundertelange Auseinandersetzungen
Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Tibet und China gehen bis ins siebte Jahrhundert zurück. Sogar die damalige chinesische Hauptstadt Chang'an (heute Xi'an) fällt im achten Jahrhundert in die Hände der Tibeter: Der chinesische Kaiser hatte sich geweigert weiter Tribut zu zahlen. Unter der Herrschaft des Mongolen Kublai Khans als chinesischer Kaiser gelingt es schließlich 1268 n. Chr. Tibet zu erobern. Die mongolischen Herrscher lassen das Land von tibetischen Geistlichen führen. Altan Khan verleiht Sonam Gyatso, dem Großabt der Gelugpa, einer der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus, den Titel "Dalai Lama" - "Ozeangleicher Lehrer". Bis 1959 galten die Dalai Lamas sowohl als geistige wie auch politische Führer eines streng hierokratisch organisierten feudalistischen Kirchenstaates. Ein Großteil der Bevölkerung bestand aus abhängigen Bauern, die für die Lamas alle nötigen Arbeiten verrichteten. Anfang des 18. Jahrhunderts - die Mongolen in China sind mittlerweile von den Mandschus abgelöst - wird die Hauptstadt Tibets vom mongolischen Fürsten Lha bzang Khan eingenommen; der 6. Dalai Lama wird nach China vertrieben und ein anderer an seine Stelle gesetzt. Nach Machtkämpfen verschiedener mongolischer Stämme marschiert ein Heer der Qing-Dynastie (China unter Mandschu-Herrschaft) auf Lhasa und befreit Tibet von der Terrorherrschaft des westmongolischen Stamms der Dsungaren. Die Tibeter setzen den 7. Dalai Lama ein und laut tibetischen Quellen beginnt zwischen China und Tibet eine bis 1900 anhaltende "Patron-Priester-Beziehung"; zum beiderseitigem Vorteil: Die Tibeter standen im Schutz des chinesischen Reiches (u. a. gegen Nepal) und China hatte eine klare Regelung seiner Grenzen und Gebietsansprüche gegenüber Ländern wie Indien und Nepal.
Angriff aus Großbritannien
Doch auch damit endet die lange Kette der Eroberungskriege um Tibet nicht. Aus Angst, Russland könnte Großbritannien mit dem Aufbau von Handelsbeziehungen zu Tibet zuvorkommen, erobern britische Truppen 1904 kurzerhand das Land und töten in einem Massaker nahezu die vollständige tibetische Armee von 1500 Mann; der Dalai Lama flieht in die Mongolei. Drei Jahre später wird Tibet in einem Abkommen zwischen Großbritannien, China und Russland der Schutzherrschaft Chinas unterstellt. Die chinesische Führung der Qing-Dynastie versucht in den kommenden Jahren diese Ansprüche durch den Einsatz militärischer Mittel zu sichern. Doch im Jahr 1911 endet die Qing-Dynastie unter dem letzten chinesischen Kaiser Pu Yi in der Xinhai-Revolution; die in Tibet stationierten Truppen verlassen das Land. Wenige Monate später wurde die Republik China gegründet - und Tibet als Provinz Chinas gewertet. Entgegen diesen Plänen erklärt der 13. Dalai Lama Tibet für unabhängig und kehrt 1913 nach acht Jahren im Exil in seine Heimat zurück, obwohl kein anderer Staat die Unabhängigkeitserklärung anerkennt.
Das Ende der Lama-Herrschaft
Im China der 20er und 30er Jahre tobten Bürgerkriege und der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg. Trotzdem wurde immer wieder versucht die Ansprüche auf Tibet durchzusetzen. Nach der kommunistischen Revolution und der Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949 wurde abermals Anspruch auf Tibet erhoben: Tibet sollte vom britischen "Imperialistischen Joch" und von der Feudalherrschaft des Dalai Lamas befreit werden. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 700000 der 1,25 Mio. Tibeter abhängige Arbeiter, die auf den Klostergütern der Lamas zur Arbeit verpflichtet wurden. Das Leben der Bevölkerung glich damit tatsächlich jenen Umständen, wie sie im feudalen europäischen Mittelalter vorherrschten. Die Volksbefreiungsarmee besetzt im Oktober 1950 das Land. Einen Monat nach der Kapitulation übernimmt der 14. Dalai Lama im Alter von 15 Jahren – ungewöhnlich früh – die Regierung Tibets. Er steht für einen neuen Kurs, grundlegende Reformen und demokratische Grundlagen. Unter dem Druck der chinesischen Regierung unterzeichnen Vertreter der tibetischen Regierung das 17-Punkte-Abkommen in dem Tibet regionale Autonomie und Religionsfreiheit zugesichert wurden. Auch das bestehende politische System Tibets sollte unangetastet bleiben. Obwohl die Vertreter ohne die Zustimmung ihrer Regierung unterschrieben, stimmte diese später trotzdem zu; insbesondere da das bestehende polititsche System beibehalten werden sollte.
Bis zur Gegenwart
Durch die Bildung von Volkskommunen sollten die in einigen Teilen Tibets lebenden Nomadenstämme sesshaft werden. Diese Entwicklung widersprach nach Ansicht vieler Tibeter den Versprechungen des 17-Punkte-Abkommens. Es kam immer wieder zu Aufständen, die mit Gewalt niedergezwungen wurden; Strafaktionen folgten. Am 10. März 1959 kommt es zum Volksaufstand in Tibet und der Dalai Lama flüchtet sich ins Exil nach Indien.
Ein Paradigmenwechsel in Tibet
Bis heute hat sich an diesem Status nichts geändert. Fast jedes Jahr kommt es am Jahrestag des Volksaufstands zu Protesten in Tibet. Der Unterschied heute: Bislang waren die tibetischen Protestierenden stets verhältnismäßig friedlich – hier liegt eindeutig ein Paradigmenwechsel vor. Vor allem unter jüngeren Tibetern wird zunehmend eine höhere Gewaltbereitschaft vertreten; der gewaltfreie Kurs des Dalai Lama gilt unter Ihnen mittlerweile als überholt. Die kommenden Wochen werden zeigen wie sich die Lage im nun abgeschotteten Tibet entwickelt. Hat der Dalai Lama die Kontrolle über die Tibetfriedensbewegungen verloren?
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